Aktuell: Ins Paradies?

Lemanczyk: Ins Paradies

Iris Lemanczyk

Adnan ist 13 Jahre alt und lebt auf der tunesischen Insel Djerba. Seine Mutter ist arbeitslos, sein Vater Invalide, seit er bei einer Demonstration gegen den früheren Machthaber Ben Ali verletzt wurde. Die Not der fünfköpfigen Familie ist groß. Deshalb wird Adnan, der älteste Sohn, auf die Reise nach Europa geschickt. Er soll mit dem Boot nach Lampedusa geschleust werden und von dort weiter nach Frankreich, ins vermeintliche Paradies.

Nach einer lebensgefährlichen Überfahrt in einem überfüllten Flüchtlingsboot erreicht Adnan die italienische Insel, gemeinsam mit der neugewonnenen somalischen Freundin Dhura, die ebenfalls allein unterwegs ist. Doch wie soll es weitergehen?

Das neue Jugendbuch von Iris Lemanczyk beruht auf Recherchen, die die Autorin unter jugendlichen Flüchtlingen in Deutschland gemacht hat. Neben den Lebensrealitäten minderjähriger Flüchtlinge wird hier auch die aktuelle Geschichte Tunesiens spannend und verständlich thematisiert.

Auszug aus dem Buch:
Adnan wurde wach. Sein Rücken war nass. [] Es dauerte eine Minute, bevor Adnan kapierte wo er war und was geschehen war. Dann aber waren die Bilder sofort wieder da. Das Bild des ertrinkenden Mannes. Das Bild von der Welle. Vom kaputten
Motor. Aber auch das Bild von seiner weinenden Mutter. Und von der lachenden Maya. Er schluckte und hustete. Er hatte Durst und Hunger. Und schreckliches Heimweh. Alles wurde schlimmer. Tief unten im Bauch fing es an, ein leichtes Stechen erst, dann kroch es hinauf, füllte den Mund mit Trauer und Bitterkeit. Am schlimmsten aber war das Hämmern im Kopf. Um sich abzulenken, summte er ein Lied, das seine Mutter ihm immer vorgesungen hatte, wenn sie ihn trösten wollte. Gleichzeitig drehte er seinen Kopf nach allen Seiten, irgendwo musste doch Land zu sehen sein. Wenn nicht Lampedusa, dann vielleicht Afrika. Tunesien. Egal, wenn sie wieder zurückfahren würden. Hauptsache Land. Doch er sah nur Wasser.


Die Autorin versteht es mit ihrer unaufgeregten Erzählweise zu fesseln, die dem jugendlichen Leser die Gefahren eines illegalen Flüchtlingsdaseins realistisch nahe bringt, ohne ihn durch zu viele Brutalitäten zu überfordern. Ein Jugendroman mit aktueller Thematik, der nebenbei auch noch Einblicke in die Geschichte und momentane Situation Tunesiens bietet. Breite Empfehlung. (Sybille Mohnhoff, ekz)

...farbig, aber weder pathosüberzogen noch künstlich aufgeplustert... Ein Buch zur Lage, (...) orientiert an tatsächlichen Schicksalen. (Eva-Maria Mangel, FAZ)