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»Freitag« rezensiert »Der Überdruss« von Mo Yan

In der Ausgabe vom 15. Oktober 2009 erschien in der Wochenzeitschrift »Freitag« eine Rezension von Eva Karnofsky über Mo Yans »Der Überdruss«:

"Der Überdrus
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Mo Yan und Michael Adrian auf der Buchmesse 2009
s", 2006 im Original erschienen, ist der ambitio­nierteste der drei Romane, er­zählt er doch die Geschichte Chi­nas von 1950 bis zur Jahrtau­sendwende. Der Großgrundbesitzer Ximen Nao wird nach Maos Machtübernahme vom entfesselten Mob [erschossen], doch der Unterweltfürst Yama erlaubt ihm, zu den Seinen zurückzukehren, als Esel, Stier, Schwein, Hund, Affe und zu guter Letzt, zur Jahrtausendwende, erneut als Mensch, als sein eigener Urenkel.

So darf Ximen Nao aus der Tier-Per­spektive beobachten, wie seine Hauptfrau als ehemalige Groß­grundbesit­zerin trotz ihrer schmerzenden, eingebundenen Füße zu Schwerstar­beit gezwungen wird, sein Sohn Jinlong die Partei über alles setzt, und sein ehemaliger Knecht allen An­feindun­gen zum Trotz über Jahrzehnte daran festhält, seine kleine Scholle privat zu bewirtschaften.

In den verschiedenen Reinkarnationen erlebt er die Irrungen und Wirrungen chinesischer Wirtschaftspolitik und deren – al­lesamt verheerende – Auswirkungen auf den Alltag. Die Kollek­tivierung der Landwirtschaft treibt Unfrieden in Ximens Fami­lie, die Hungersnot als Folge des Großen Sprungs nach vorn, der China zum Industriestaat machen sollte, bringt sie fast ins Grab, die Kulturrevolution weckt das Böse in Ximens Sohn Jinlong und die Liberalisierung nach Maos Tod ver­hilft dem korrupten Jinlong zu Wohlstand. Der damit einherge­hende Ver­fall der Werte treibt Ximens Enkeltochter dann erst einmal ins Elend.

Auch dieser Roman trägt existenzialistische Züge, lässt er doch keinen Zweifel daran, dass jeder Mensch, Verhältnisse hin oder her, immer eine Wahl hat. Meist wählt er jedoch den fal­schen Weg. Humanistische Werte bleiben vor al­lem der Welt der Tiere vorbehalten, in der sich Ximen Nao in sei­nen Reinkarna­tionen bewegt.

Mo Yan gelingt es, eine vernichtende Kritik an fünfzig Jahren Kommunismus in eine brillant erzählte, spannende Familiensaga zu klei­den, in der die Politik scheinbar gar keine Rolle spielt und doch omniprä­sent ist.

Zumindest den China-Laien verwundert es, dass Der Über­druss in China erscheinen durfte und dort obendrein mit dem wich­tigsten Literaturpreis ge­ehrt wurde. Im Kuba der Castros etwa wäre ein solches Buch in der Schublade verschim­melt. Scheint’s, dass Chinas der­zeit Herr­schende nichts dagegen haben, wenn die Literatur mit ihren Vorgängern ab­rechnet.

Link zum Artikel im »Freitag«

 

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