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Mathias Jeschke

Mathias JeschkeMathias Jeschke ist 1963 in Lüneburg geboren und arbeitet nach dem Studium der Theologie in Göttingen, Heidelberg und Rostock als Verlagslektor und freier Autor in Stuttgart. 2010 erschien in der edition AZUR der Gedichtband „Das Gebet der Ziege". Im Bereich der Literatur für Kinder erschienen u. a. im Jahr 2010 im Boje Verlag das Bilderbuch „Der Wechstabenverbuchsler“ und der Gedichtband „Wie das Wiesel dem Riesen den Marsch blies“. Jeschke wurde mit verschiedenen Stipendien und Literaturpreisen ausgezeichnet, u. a. 2002 mit dem Würth-Literatur-Preis. Jeschke ist Herausgeber der Reihe LYRIKPAYRI der Edition Voss im Horlemann Verlag.

Aus unserer Vorschau für den Herbst 2012:


Lieber Herr Jeschke,


Buchhandlungen bestellen und vertreiben kaum noch Lyrikbände. Gehen Sie wirklich davon aus, dass die von Ihnen herausgegebene Reihe LYRIKPAPYRI es verdient hat, einem breiten Publikum vorgestellt zu werden?

Ja, na klar! Ich gebe ja meinen Kindern, nur weil sie danach schreien, auch nicht ausschließlich Süßigkeiten und Pommes, sondern ernähre sie mit Gesundem und Nahrhaftem. Andere, besonders junge, unabhängige Verlage, haben sich bereits erfolgreich um das Aufleben der Lyrik verdient gemacht. Und wir wollen auf dem Gebiet der modernen deutschsprachigen Lyrik jetzt kräftig mitmischen. Gedichte gehören nun mal zu den grundlegenden Lebensmitteln von innerlich lebendigen und mit Vorstellungskraft begabten Menschen. Manche wissen das schon, andere werden wir noch gewinnen.

Wie kommt es eigentlich zu dem Reihentitel LYRIKPAPYRI? Das klingt doch irgendwie antiquiert...
Der klangvolle Reihentitel mit seinem Rückgriff auf den Papyrus, die Vorform des Papiers, die – ebenso wie die Lyrik übrigens – bereits seit über viertausend Jahren bekannt ist, benennt so etwas wie ein Gegenprogramm zu den ja gerade eben erst hochgepoppten allgegenwärtigen Applikationen für den Hirnstamm, den electronical devices. Er betont damit gleichzeitig die durchschlagende Beständigkeit und damit die Aktualität der Kunstform Gedicht. LYRIKPAPYRI heißt, Gedichtbände sind und bleiben erlebbar, klingend, duftend, haptisch, unplugged.

Was reizt Sie daran, gerade die Autoren Däubler, Münzner und Rautenberg herauszugeben? Was ist so besonders an ihnen?
Gregor Däubler ist ein junger, wagemutiger Poet, der in seinem bei uns erscheinenden Debut das Vexierspiel zwischen Form und Inhalt verheißungsvoll zur Sprache bringt. Andreas Münzner besitzt die seltene Gabe, indem er in großer Ruhe und changierend zwischen humorvoller Distanz und emotionaler Nähe ein ziemlich welthaltiges Tableau erschafft, mit seinen Gedichten Lebensuhren zu justieren. Und Arne Rautenberg ist der sympathischste Kunstspieler, den ich kenne. Völlig respektlos überrumpelt er nicht nur die Sprache selbst, sondern damit auch unsere eingefahrenen und eingefrorenen Denkweisen und Blickwinkel. Es lohnt sich unbedingt, alle drei zu lesen!

Wie kommt es eigentlich, dass fast alle Literaturpreise bei einem nur sehr kleinen Kreis von Lyrikern landen?
Da müssten wir mal bei den Preisverleihern und ihren Jurys nachfragen. Ob es wirklich nur die Angst ist, man könnte sich mit einem unbekannten Gewinner zu weit aus dem Fenster lehnen, und setzt sich deshalb lieber auf die sichere Bank des bereits zigmal ausgezeichneten Soundso? Es verhält sich wohl ähnlich wie mit den Lyrikern, die bei großen renommierten Verlagen unterkommen, auch ihr Kreis ist im Verhältnis zur Zahl der Autoren, die gute Gedichte schreiben, eher klein. Im Hinblick auf die notwendige Existenzsicherung von Autoren scheint die Praxis der Literaturpreis- und Stipendienvergabe dennoch ungerecht.

Sollte Lyrik politisch sein?
Da Gedichte Lebensäußerungen innerhalb unseres Gemeinwesens sind, die den Leser dazu bringen, anders zu denken, sind sie immer politisch. Gedichte sind aber auch unverfügbar – wie Fische vielleicht – und verkörpern das Staunen als Prinzip der Wirklichkeit, somit können sie gleichzeitig wieder nicht politisch sein. Die poiesis hat als gestaltgebende Heimat eine größere Kraft als die polis, das bedeutet, Lyrik wird immer größer sein als Politik.

Mit Ihrer Literatur für Kinder sind Sie einer breiten Leserschaft bekannt. So ist Ihr Bilderbuch „Der Wechstabenverbuchsler“, das 2010 im Boje Verlag erschien, bereits in der 5. Auflage erhältlich. Außerdem haben Sie mehrere Gedichtbände veröffentlicht, zuletzt „Das Gebet der Ziege“ in der Edition Azur. Was bringt Sie dazu, sich darüber hinaus als Herausgeber einer neuen Lyrikreihe zu betätigen? Sehnen Sie sich nach Erholung von den Kinderbüchern?
Ha, Erholung ist gut! Alle gute Literatur ist Herausforderung und Vergnügen zugleich. Das gilt für Gedichte ebenso wie für Kinderbücher. Gedichte zu lesen ist für mich ein derart großes Vergnügen, dass ich mich schlicht über die Gelegenheit freue, es mit anderen teilen zu dürfen.

Und wie sieht die Zukunft der LYRIKPAPYRI aus?
Der Verlag und ich als Herausgeber planen bereits die Titel für das nächste Jahr. Es wird wohl in jedem Programm etwa drei neue Bände geben. Und wir sind fest davon überzeugt, dass es genügend Buchhändler, Literaturvermittler, Kritiker und Leser (m/w) gibt, die unsere Begeisterung teilen werden für das, was wir hier in die Welt setzen.

Mathias Jeschke, vielen Dank für das Interview und einen guten Start für die LYRIKPAPYRI!
Herzlichen Dank!



Webseite: www.mathiasjeschke.de

 

Buchbeteiligungen von Mathias Jeschke

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