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Das lärmende Schweigen

Gilbert Gatore

Katja Meintel

Isaro wurde als Waisenkind aus Ruanda adoptiert und wuchs in Frankreich auf, wo sie inzwischen ein unbeschwertes Leben als Studentin führt. Dort erreichen sie mit zunehmender politischer Bewusstwerdung die Nachrichten über die Geschehnisse in ihrer ursprünglichen Heimat. Niko, von Geburt an stumm, ist ein eher schlichtes Gemüt – der Junge floh während des Krieges auf eine legendenumwobene Insel, versteckte sich vor den Menschen und lebte in einer Gruppe Affen. Isaro will verstehen, was 1994 eigentlich geschah, und reist nach Ruanda, um Berichte von Zeitzeugen zu sammeln. Niko hingegen will am liebsten vergessen. Doch beide müssen sich ihren Erinnerungen stellen.
Mit den Fragen, wie man der Vergangenheit zu begegnen und mit ihr umzugehen hat, verknüpfen sich aber auch Fragen nach der Möglichkeit von Vergebung und eines Neubeginns.

Auszug aus dem Roman:
„An jenem Morgen brüllte das Radio ihr zu, dass in einem Land, dessen bloße Erwähnung sie vor Angst erstarren ließ, die Zahl der Inhaftierten so hoch war, dass es beim jetzigen Tempo der Verurteilungen zwei oder drei Jahrhunderte brauchen würde, um den Fall jedes einzelnen Häftlings zu untersuchen. Der Journalist, leiser jetzt, weil sie die Lautstärke heruntergedreht hatte, nannte den Prozentsatz der verhafteten im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung des Landes. Es ging um ihr Geburtsland. […] Sie schaltete das Gerät endlich aus und ging, aber dieser Teil der Nachrichten, der sich eben auf sie gestürzt hatte, wie ein Verbrecher über sein Opfer herfällt, ließ sie nicht mehr los.“

Der Roman ist Teil der Afrika-Reihe im Horlemann Verlag, die von Manfred Loimeier herausgegeben wird.

Rezension und Lesung (SWR2 Forum Buch, 22.06.2014):
swrmediathek.de/player.htm?show=4d1516f0-fab1-11e3-a661-0026b975f2e6

Ein starkes Stück Literatur aus Ruanda. (...) Ich finde, Gilbert Gatore ist mit seinem traumhaften Erzählen etwas gelungen, was dieser beinharte Realismus einfach nicht schaffen kann; die Traumatisierung fühlbar zu machen, auch Bilder dafür zu finden, die dieser Krieg hinterlassen hat. (Katharina Borchardt, SWR2)

Ein Roman über den Genozid in Ruanda vor 20 Jahren – nicht über das Blutvergießen, sondern über die Folgen. Rätselhaft, fast tranceartig, erzählt Gatore vom Schweigen danach und von seelischen Verwundungen eines Opfers und eines Täters. Sein traumhafter Roman über universale Fragen des Menschseins und menschlichen Überlebens ist philosophisch grundiert, irritierend, einzigartig und bricht das lähmende und ''lärmende'' Schweigen. (Cornelia Zetsche, Weltempfänger Bestenliste, Platz 3)

[Es] ziehen sich die Ambivalenzen zwischen Reden und Schweigen, zwischen Lärm und Ruhe, zwischen Fragen und Antworten durch „Das lärmende Schweigen“. Die Verwirrung und Irritation, die diese Mischungen beim Leser hervorrufen, klingen noch lange nach der Lektüre nach. (Carla Baum, taz)

Angenehm an Gatores Schreibweise ist seine Vermeidung von Belehrung und moralischen Einlässen. Vielmehr formuliert der Roman Fragen zum Beispiel zur Genes und Beständigkeit von Täterschaft. Der Roman beansprucht nicht brutales, wahnhaftes und mörderisches Verhalten vollständig zu erklären oder auszuleuchten. (Marie Mohrmann, der Freitag)

Gilbert Gatore hat ein komplexes Bild gezeichnet von der Welt der Überlebenden und der Welt der Täter. Der in Ruanda geborene Autor hat einen ganz besonderen Roman geschrieben. (Gaby Mayr, Deutschlandfunk)



Der Roman stand 2015 auf der Shortlist für den Internationalen Literaturpreis Haus der Kulturen der Welt.

 

Gatore - Das lärmende Schweigen
ISBN 978-3-89502-372-9
208 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Erscheinungsjahr 2014

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